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N-TRIBE (Baltes, Grosskopf) in Moskau

Donnerstag, 20.März 2003 - 13:55 MEZ, Düsseldorf - Flughafen, AEROFLOT Flug Nr. SU 118.

Strahlend blauer Himmel. Frühlingshafte Temperaturen. Heute Nacht um 2:00 MEZ haben George Bush und Toni Blair die  ersten Bomben und Cruise Missiles auf Bagdad abgeladen. Wir sind entsetzt, obwohl Steve und ich (wie wohl die meisten von uns) diese Bankrotterklärung menschlicher Vernunft - mit möglicherweise unabsehbaren sozialen und ökonomischen Folgen für die gesamte Welt - sicher schon seit Wochen erwarteten.

Steve und ich können es immer noch nicht ganz glauben. Wir fliegen nach Moskau. In der heutigen Zeit eigentlich nichts Ungewöhnliches mehr. Aber als Kind des Kalten Krieges, durch lange Berliner Mauerjahre belastet, mit denen meine medienmanipulierte Seele die üblichen Vorurteile von Chaos, Armut, Mafiabetrug und unsicherer Aeroflot-Technik für das einst sowjetgeplagte Land immer noch bereithält, verspricht unsere Reise in die Kälte eines der letzten Abenteuer zu werden, die unsere übersättigte Informationsgesellschaft noch zu bieten hat.

Vom Zeitpunkt des ersten Kontaktes bis zum Abflug sind gerade einmal 3 Wochen vergangen. Dazwischen eine Unzahl von E-Mails mit Fragen und Antworten. Erst vor zwei Tagen haben wir unsere Visa im Konsulat der Russischen Föderation abholen können. Ohne gültige Reisekrankenversicherung geht gar nichts. Nur die in einer Liste ausgewiesenen Versicherungsnamen kommen in Frage. Unsere Einladung läuft über das russische Außenministerium in Moskau und muss dort vom Veranstalter beantragt werden. Diese Unterlagen werden mit einer Referenznummer versehen und dann zum Konsulat nach Deutschland geschickt. Ich fahre zum Konsulat nach Bonn Bad Godesberg. Vor dem Konsulat und bis auf die Straße stehen etwa 60 bis 70 schlicht gekleidete Menschen. So stelle ich mir Russland vor. Ich höre im Vorbeigehen russische Sprachfetzen.
     “Hoffentlich muss ich jetzt nicht stundenlang warten“, denke ich.
     Gottseidank kann ich aber gleich an der wartenden Menge vorbeiziehen und stelle mich an einem der Schalter an.
     „Waas wolenn se?“, werde ich gefragt.
     „Buisyness Visa abholen”, antworte ich brav.
     „Da gehen Se an denn aanderen Schjaltr mit Nummr Einz!“
     Alles klar. Ich reihe mich wieder in eine Warteschlange vor Schalter Eins ein und reiche meine Anträge mit Passbild und Krankenversicherungsnachweisen durch. Der russische Konsulatsangestellte ist ein Lichtblick. Als er auf meinem Antrag entdeckt, dass ich Musiker bin und im Moskauer Klub „16TONS“ auftreten will, grinst er mich an und sagt:
     “Se spielen in 16Tons Klub? Gut!“.
Dann checkt er am Computer meine Referenznummer, die mir Pavel Kamakin, der Manager des 16 TONS, am Tage zuvor gemailt hatte.
     „Noch nichts da! Kommen 'se morgen!“
     „Aber morgen ist Samstag“, entgegne ich.
     „Dann Moontag!“
     Mein erster Versuch, die Visa abzuholen, ist gescheitert, und ich muss unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Ich muss mich um Zollformalitäten kümmern. Der deutsche Zoll will unser Equipment vorgeführt bekommen. Vorher hole ich bei meiner lokalen Industrie- und Handelskammer Zollpapiere in dreifacher Ausfertigung, deren Inhalt und Wortbedeutung mir bis heute verschlossen bleibt.
     „Wer denkt sich so etwas aus“, frage ich, während ich mich mit dem Ausfüllen dieser Papiere abquäle. Eine Liste in dreifacher Ausfertigung mit Wert- und Gewichtsangaben habe ich getippt und ausgedruckt. Der Mann vom Zoll ist zunächst ziemlich unfreundlich.
     „Sie sehen doch was hier los ist?“
     Ich sehe es nicht. Selbstredend habe ich nicht alles korrekt ausgefüllt und muss noch mal nachsitzen. Als er feststellt, dass wir Musiker sind, erheitert sich seine Miene plötzlich. Jetzt geht alles ganz schnell. Wir fachsimpeln über Recording- und Kopfhörertechnik. Er ist Hobbymusiker. Noch ein paar Stempel, ein paar Unterschriften. Wir sind wieder draußen.

Nach dreieinhalb Stunden ruhigem Flug setzt die Boing 737 der Aeroflot zum Landeanflug an. Es ist noch hell, als wir etwa kurz vor 19:00 Uhr Moskauer Zeit durch die Wolken stoßen. Unter der Wolkendecke dichtestes Schneetreiben. Mächtige Turbulenzen setzten ein und rütteln das Luftgefährt.
     „Ob die hier in Moskau diese neuen  Scherwindwarnanlagen eingebaut haben?“, frage ich mich und versuche meine Verkrampfung in den Griff zu bekommen. Steve hat seine Augen geschlossen und versucht einen friedlichen Eindruck zu machen. Ein deutscher Passagier mit Urlaubsziel Sibirien, der mit uns in der Reihe sitzt, meint, dass er Landungen im sibirischen Winter erlebt hat, die noch viel schlimmer angefangen hatten. Ich kann unten schon den freien Raum kurz vor der Landebahn erkennen, als die Maschine plötzlich vollen Schub gibt und beginnt, steil hochzuziehen. Es rüttelt und reißt immer noch heftig am Gerät. Nach einer zwanzigminütigen Kurve der zweite Landeversuch. Der deutsche Sibirientourist meint:
     „Die kriegen das schon hin! Runter kommen wir auf jeden Fall“, und grinst dabei.
     „Dämlicher Idiot!“, denke ich.
     Steve hat die Augen immer noch geschlossen und versucht offensichtlich auch seine Angst in den Griff zu kriegen. Ich mache mir Vorwürfe:
     „Das habt ihr jetzt davon! Jeder weiß doch, dass die Aeroflot in Beziehung Sicherheit auf den letzten Rängen glänzt!
     Komischerweise hört man aber nie, dass deren Flugzeuge mehr abstürzen als von anderen Luftfahrtgesellschaften. Die Turbulenzen, die an der Maschine rütteln, kommen mir noch heftiger vor als beim ersten Landeversuch. Wieder die gleiche Situation. Kurz vorm Aufsetzen Schub und es geht wieder nach oben. Mir geht die Muffe. Dreimal halte ich das nicht aus. Nach einigen Minuten eine russische Ansage. Ich verstehe irgendwie St. Petersburg. Und tatsächlich werden wir nach dorthin umgeleitet. Nach einer Stunde landen wir sauber. Es ist dunkel, eine Schneedecke überzieht die Flächen neben den Start-und Landebahnen. Es ist saukalt als wir die Gangway zum Shuttlebus heruntersteigen.

Das Flughafengebäude strahlt diesen schlichten Charme der Arbeiter-und Bauernklasse aus wie ich ihn noch aus den Tagen der DDR kenne. Eine uniformierte Dame mustert uns beim Betreten des Gebäudes streng. Niemand kann uns sagen wie es weitergehen soll. Unser Sibirientourist befürchtet seinen Anschlussflug zu versäumen und meckert über die Zustände. Steve und ich sind im Angesicht des ausgebliebenen Crashs ganz gelassen. Da unsere Visa nur in Moskau Gültigkeit besitzten, können wir den Transitraum nicht verlassen. Wir haben Hunger und Durst. Nach einer Stunde verspricht eine Ansage:
     „Beverages and Sandwiches will be served at the ground floor!“.
     Wir runter. Tatsächlich stehen an einer der beiden Rolltreppen ein paar Paletten mit roter Cherry-Cola, die von einem beleibten uniformierten Mütterchen bewacht werden. Das Zeugs schmeckt eklig, aber der Durst ist größer. Meine Frage an das beleibte Mütterchen nach einem der angekündigten Sandwichs wird mit einem kurzen: “Sanwish? No Sanwish!!“ unmissverständlich abgeschmettert.

Ich versuche per Handy Pavel Kamakin zu erreichen, was Gottseidank problemlos funktioniert. Russland hat eines der modernsten Telekommunikationstechniken der Welt. Pavel war schon ob unserer Odyssee etwas in Panik geraten und ist jetzt froh, dass wir uns wenigstens schon mal auf russischem Territorium befinden. Ich bitte ihn die Leute, die uns am Flughafen erwarten, wieder wegzuschicken und erst wieder hinzubitten, wenn wir hier in St. Petersburg wissen was geht. Wir sitzen gute drei Stunden herum und versuchen diesen deutschen Sibirientouristen loszuwerden, der immer noch über die Zustände hier rummosert. Neben mir auf der Bank sitzt ein junges ungarisches Pärchen. Offensichtlich im Zwischenstop auf der Durchreise. Sie ist in einem Post-Hippie-Style gekleidet und liest in einem Indienreiseführer.
     Indienreisen! Mein Thema!
     „You’re going to India?”, frage ich. Das öde Herumgesitze hat ein Ende.
     „You must go to Keerala!” empfehle ich, nachdem ich ihr einige meiner selbsterlebten Indiengeschichten erzählt habe.
     “The backwater ride from Alleppey to Quilon is the most beautiful experience I have ever made!”
     Plötzlich unterbricht die krächzende Ansage “Aeroflot Flight SU118 to Moscow now boarding!” unser Gespräch. Wir sitzen dann noch eine gute Stunde in der Maschine, bevor wir wieder Richtung Moskau abheben.

Das Wetter hat sich offensichtlich gebessert. Als wir gegen 24:00 Uhr die Wolkendecke durchstoßen, erwarten uns die gleichen Turbulenzen wie bei den ersten beiden Landeanflügen. Mir rutscht das Herz in die Hose. Steve wird ganz still und schließt wieder die Augen. Diesmal aber scheint es kein Zurück zu geben. Scherwinde lassen die Maschine bis kurz vor dem Aufsetzen immer wieder ruckartig nach links kippen. Meine Phantasie malt ununterbrochen Horrorszenarien. Touch down. Als der Bremsrückstoß einsetzt, geben Steve und ich uns die feuchtkalten Hände. Bei uns beiden setzt spontan so eine Art “Wir haben es überlebt!” Euphorie ein, die uns bis spät in die Nacht bei bester Laune hält. Wir kommen zügig durch Passkontrolle und Zoll und werden von Anna Moisenkova und ihrem Freund begrüßt. Jeder bekommt einen Plüschhund geschenkt.

Mit Anna Moisseenkova, die für den Sponsor AHMAD TEA mit der Organisation des Festivals im 16TONS betraut ist, hatte ich im Vorfeld die erwähnten unzähligen E-Mails ausgetauscht. Sie ist absolut happy, dass wir endlich angekommen sind und entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten. Wir sind total erleichtert den Landehorror unversehrt überstanden zu haben. Vor allem auch, dass wir nicht noch die Nacht im Transitbereich des St. Petersburger Flughafens haben verbringen müssen.

Die Heizung des Audi ist ausgefallen. Die Fensterscheiben sind bis auf kleine Sehschlitze undurchsichtig. Unsere Euphorie kann durch so eine Lappalie nicht mehr gestört werden. Wladimir, unser Fahrer in den nächsten Tagen, bringt uns zum Hotel “Ukraina”. Er ist Musiker gewesen und spricht bestes Englisch.

Das Hotel “Ukraina” ist der Hammer. Eines dieser wolkenkratzerartigen, noch in den späten Dreißiger Jahren von Stalin errichteten Hochhäuser, mit denen der Sozialismus beweisen wollte, der wirtschaftlichen und kulturellen Leistungsstärke der USA ebenbürtig zu sein. Seither schmücken etwa 10 bis 15 dieser großzügigen, wunderschönen, kitschigen Gebäude das Moskauer Stadtzentrum.

Eine riesige Eichentür und eine ebenso schwere Flügeltür, die ich nur mit einigem Kraftaufwand bewegen kann, führen uns in das - von zahlreichen, düster blickenden, kräftigen Männern in schwarzen Anzügen bewachte Foyer. Pavel Kamakin erwartet uns schon, begrüßt uns und begleitet uns zur Rezeption. Anna und ihr Freund verabschieden sich. Die Zimmer sind hoch, geräumig und sehr gut geheizt. Alles wirkt ein wenig abgewetzt aber sauber. Auch hier der ganze Charme sozialistischen Luxus. Wir sind begeistert von dieser Atmosphäre. Pavel erzählt uns später, dass der KGB früher die oberen Etagen genutzt hat. Zu UdSSR Zeiten sollen in diesen Wolkenkratzern Radar- und Raketenabwehrsysteme installiert gewesen sein. Angeblich werden die Räumlichkeiten immer noch von der Nachfolgeorganisation des KGB genutzt. Handys sollen ab dem neunten Stock ihren Dienst aufgeben. Pavel fragt uns, ob wir Hunger haben. Wir haben Riesenhunger. Er lädt uns zum Essen in das Restaurant seines Klubs ein.

Wenn man in Moskau durch die Gegend kommen will, hält man einfach das nächste Auto an, verhandelt den Preis und wird transportiert. Man wartet, egal ob tagsüber oder nachts, nie länger als eine Minute. Für ein Fahrt von 10 bis 15 Minuten bezahlt man 100 Rubel, etwa 3 Euro und ein paar Cents. Ich merke mir: „Sto (100) Rubel? Da?“ Es funktioniert reibungslos. Auf diese Art bewegen wir uns einige Male in den exotischsten rollenden Untersätzen (Wolga, Moskwitsch, Lada) durch die winterliche Metropole. Immer bei größter Freundlichkeit der Fahrer.

Pavels Klub „16 TONS“ ist eine perfekte, zweistöckige Imitation eines englischen Pubs. Er führt uns in das obere Geschoss. Eine großzügige Theke durchschneidet den Raum. Tanzfläche mit professioneller Licht-und Audioanlage, Bühne und DJ Pult. An den Seitenwänden Tische und Stühle. Pavel hat an den Wänden über den Tischen einige dieser schrägen Monitore, im Stil von Monty Pythons Film “Brazil” installiert. Im unteren Geschoss befinden sich Pub und Restaurant. Das Essen ist exzellent. Man braut gutes Bier. Pavel Kamakin ist ein junger, weltoffener, sehr gut informierter Mensch und selbst Elektronik-Musiker. Er kennt sämtliche Vor- und Nachteile alter Kult-Synthis. Das Line-Up der Musiker aus dem Westen, die in den letzten Jahren im „16 Tons“ aufgetreten sind, lässt sich sehen. Wir quatschen bis um vier Uhr. Dann bringt er uns persönlich auf die eben beschriebene Art und Weise zurück ins Hotel. Ich schalte die Glotze ein und ziehe mir bei BBC die pausenlos gesendeten Kriegsnachrichten rein und werde das Gefühl nicht los, eigentlich gar nichts zu erfahren.

Die Zeitverschiebung von zwei Stunden lässt mich am nächsten Morgen spontan entscheiden nicht zu frühstücken. Ich begebe mich in das Foyer und fotografiere. An der Decke, mitten im Raum, befindet sich eine flache, kreisförmig beleuchtete Kuppel, die ein Gemälde zeigt, auf dem das Paradies der heldenhaften, vom Joch des Kapitalismus befreiten, glücklichen Arbeiterklasse in kitschigster Weise dargestellt ist. Einschließlich stolzem Träger einer von Hammer und Sichel gezierten roten Fahne.

Pünktlich um 13:00 Uhr kreuzt Wladimir im Foyer auf, um uns zum Klub zu bringen. Der Audi hat kein Nummernschild, und wir werden gleich zweimal von den Cops angehalten. Wladimir zahlt die übliche Schmiere und nach 15 Minuten Fahrt halten wir vor dem „16 Tons“ (www.16tons.ru). Der Klub ist nach einem Song von Merle Travis benannt, der den hart arbeitenden Minenarbeitern gewidmet ist. Er wurde 1946 geschrieben, aber erst im Jahre 1955 ein Hit, als Tennessee Ernie Ford ihn zu singen begann. Vor jedem Konzert wird dieser „ 16 Tons“ Song im Klub abgespielt. 16 Tonnen schwere Gewichte wurden früher als Ballastgewicht für Brücken-Pontons verwendet. Monty Python haben in ihren Sketchen ständig, meist unvermittelt, solche Gewichte vom Himmel fallend in ihre Szenen krachen lassen.

Ich benutze das klubeigene TAMA Drum-Kit. Steve arbeitet mit einem Notebook und der für unsere Zwecke hervorragend geeigneten „ABLETON-LIVE“ Software. Der mittels Fire-Wire angeschlossene MOTU-828 Wandler ist mit einer Höheneinheit in einem 19-Zoll-Rack untergebracht. Steves MIDIMAN-OXYGENE-8 Zwei-Oktaven-Keyboard und sämtliche Kabel passen noch mit in dieses Rack. Minimalequipment für flexibles Reisen. Auf unserer ASHRA Japantour vor einigen Jahren hatte er noch 90 kg durch die Gegend zu asten. Im Flugzeug hat Steve noch an den Nummern herumgeschraubt und ihnen den letzten Schliff verpasst.

ABLETON-LIVE hat mit 24Bit Audio Signal Output hervorragende Audioeigenschaften. Die virtuellen Delays, Reverbs und Filter sind von ausgezeichneter Qualität. Alles in allem ist ABLETON-LIVE eine sehr kreative Musikmaschine. Die Software erlaubt Improvisationen in jede nur erdenkliche musikalische Richtung. Von den heftigsten Rhythmusorgien bis zu chilligen Passagen. Durch Vorhören kann man spontan jegliches Wave-Material aus dem Speicher hoch laden, tunen und beliebigen Tracks zuordnen. Die Software cuttet solche Wave-Files automatisch, passt sie perfekt dem Timing der Komposition an und groovt wie Sau! Mit Handzeichen verständigen wir uns auf Breaks, die dann genau auf den Punkt kommen. Rein wie Raus.

Durch die Jahre habe ich, speziell auf Festivals, bei denen es auf und hinter der Bühne in der Regel sehr hektisch zugeht, immer wieder die Erfahrung mit problematischem Monitoring gemacht. Vor einem halben Jahr habe ich mich daher für das IN-EAR Monitoringsystem von HEAR SAFE entschieden. Die Verstärker-Station HW geht bequem mit ins Handgepäck und zeichnet sich durch hervorragende Audioeigenschaften aus. Ausgestattet mit einem 4-Band-Summen-EQ, 4 separaten Inputs, inklusive Phantomspeisung (für ein bis zwei Mikrofone, mit denen man den Live-Umgebungssound einfangen und separat zur Summe hinzufügen kann), Stereo Inserts zum Zuschalten von externen Effekten und einem regelbaren Limiter, der verhindert, dass plötzliche Pegelschwankungen einem das Hörvermögen auf alle Zeiten ruinieren.

Der 2-Wege Kopfhörer HS-15-2, der auf die mittels Innenohrabguß individuell angefertigten Otoplastiken (Gehörschutz - Anm. d. Webmasters) aufgesetzt wird, macht die Ohren absolut dicht und hat sehr gute Audioeigenschaften. Die naturgemäß etwas unterrepräsentierten Bässe bekommt man in der Regel ausreichend über den Körperschall der Bühnenumgebung mit. HEAR-SAFE hat da aber auch eine geniale technische Lösung in Form eines faustgroßen Gerätes entwickelt, welches mich an große Lautsprecher-Magneten erinnert, den sogenannten “Bass-Shaker”. Der wird an den Drummersitz geschraubt, von einem separaten, ebenfalls sehr handlichen Verstärker gespeist und schneidet Mitten und Höhen der Summe ab, welche von einem der Outputs der HW-Kopfhörer-Station geliefert wird. Der „Bass-Shaker“ erzeugt kein Audiosignal, sondern nur reine, unhörbare Körperschall-Basswellen die des Users “Balls” und Unterleib gehörig ins Vibrieren bringen.

Heute ist der Höhepunkt des dreitägigen Festivals. Steve und ich sind die Headliner des Abends mit drei Gruppen und nennen unsere Mini-Formation N-TRIBE. Ich kann mir den komplizierten russischen Namen der ersten Band, ein Quintett mit Sängerin, nicht einprägen. Als die Band die obere Etage mit ihren reggaeartigen Klängen anreichert, füllt sich die Kultstätte langsam mit einem sehr aufmerksamen, fast schüchternen Publikum. Der Gitarrist bedient gleichzeitig ein Notebook auf dem CUBASE VST32 einiges zum Backbeat beiträgt. Die zweite Formation besteht aus drei Leuten, bedient einen gefälligen jazzigen Elektroniksound und nennt sich ZHGLI DUB. Der Bassist ist ein ausgezeichneter Musiker. Eine Rhythmusmaschine liefert den Groove, was auf Dauer für mein Empfinden ein wenig flach klingt. Als wir dann auf der Bühne stehen, werden wir von Sergej mit einem längeren Kommentar angekündigt, von dem ich außer unseren Namen nicht das Geringste verstehe.

Von der ersten Sekunde an fühlen wir uns wohl. Wir sorgen dafür, dass die Post anderthalb Stunden lang auf und ab geht. Das Publikum reagiert mit großem Enthusiasmus. Nach der Performance werden wir ständig angesprochen und mit Superlativen überschüttet, die ich kaum glauben kann, aber selbstverständlich gerne höre. Wir sitzen noch bis spät in die Nacht mit einer größeren Anzahl Menschen an einem Tisch, trinken und plaudern über Musik und diesen unseligen Irakkrieg, der von allen Anwesenden einhellig verurteilt wird. Wladimir, unser Fahrer, bringt uns gegen 3:00 Uhr zurück ins Hotel. Wir sind extrem gut drauf und uns einig, uns mitten in einem rundum extraordinärem Erlebnis zu befinden.

Am nächsten Morgen sind wir mit Artemiy Artemiev verabredet. Artemiy ist ein Avantgardemusiker der russischen Elektronik-Musikszene, Plattenproduzent (Electroshock Records) und Teilhaber einer Film- und Videoproduktionsfirma, sowie eines Verleihs für Audioequipment. Sein Vater, Edward Artemiev, ist ein berühmter Filmmusikkomponist in Russland und hat zahlreiche Musiken für den russischen Kultregisseur Andrej Tarkowsky produziert. („Solaris“, „Stalker“ und „Mirror“). Obwohl ich Artemiy nur aus zahlreichen E-Mails und von den Fotos seiner Homepage kenne, ist es vom ersten Moment an, als kennen wir uns.

Blauer Himmel, Sonnenschein. Es ist immer noch kalt bei Mütterchen Russland. Wir fahren am Kreml vorbei. Den wollen wir unbedingt aus der Nähe sehen, werden aber das Gefühl nicht los, dass Artemiy nicht vor hat, uns derartige Touristen Klischees vorzuführen. Wir verschieben unser Vorhaben auf den nächsten Tag und besuchen das Nationalmuseum. Ein sehr schöner Bau im traditionellen Baustil des 17. Jahrhunderts. Auf fünf Etagen die ganze Pracht russischer Malerei aus 5 Jahrhunderten. Der nächste Besichtigungspunkt ist der „Piratenmarkt“.
     “Touristen trauen sich kaum hierher”, klärt uns Artemiy auf. Der riesige Markt wird von dicht beieinander liegenden Buden gebildet, an denen sich vorwiegend männliche Menschenmassen über den am Boden zu Morast geschmolzenen Schnee schieben. Hier gibt es alles, was das Herz des telekommunizierenden, Unterhaltungselektronik nutzenden Computerfreaks zum Wallen bringt. Das Herz westlicher Zoll- und Wirtschaftsfahnder mit Sicherheit auch, wenn das Areal denn in ihren Zuständigkeitsbereich fallen würde. Hier scheint Illegales legal verscherbelt werden zu können, ohne dass die Administration in absehbarer Zeit Pläne vorliegen hätte, hier mit der ganzen Staatsmacht einzuschreiten. Cubase XT! Windows XP Professional Edition, Reaktor, Photoshop 7.0. Alles für kaum mehr als 10 Dollar. Brandneue Handies zu einem Fünftel ihres Westpreises. Und, und, und!!!

Weiter geht es durch ein Areal, auf dem sich Politiker traditionell gern anzusiedeln. Dort, zwischen zwei sechsstöckigen Wohnblöcken (?) hat der frühere Präsident Boris Jelzin eine größere Bleibe. Den Waldweg da rechts unten benutzt Wladimir Putin zweimal täglich, um seine Wohnstatt zu erreichen. Vorbei geht es an Stalins hochummauerter Datscha, zu der sich der rote Despot eigens eine U-Bahn Trasse aus dem weit entfernt liegenden Moskauer Zentrum hatte legen lassen. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichen wir einen der Sommerpaläste Katharina der Großen. Eine Zarin deutscher Abstammung, die sich dieses architektonische Kleinod von einem ihrer Liebhaber hatte schenken lassen. Eine zweihundert Meter lange, mit Grüngewächs bedeckte Flanierzeile schützte die blasse Aristokratin vor der Sonne.

Hunger meldet sich. Wir halten an einem buntverzierten, einstöckigen traditionellen Blockhaus. Schon Restaurant zu SU Zeiten. Leckerstes russisches Essen. Eingelegter Fisch, Piroggen, Krabben, gefüllte Teigtaschen. Vorher einen Wodka, der mir noch nach Stunden das Bein beschwert.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir eines der ältesten Klöster Russlands. Wir gehen in die kleine Kapelle. Mit langen Bärten und Haupthaar ausgestattete Popen sprechen monotone Verse. Die Menschen bekreuzigen sich mehrmals in der Minute mit großen Gesten und gleichzeitiger Verbeugung in Richtung Altar. Auf einer Empore ertönen kehlige und basshaltige Choräle. Die Wände sind vom Boden bis zur Decke mit Ikonen aus 5 bis 6 Jahrhunderten behangen. Weihrauchschwenkende Novizen schwängern die Luft mit dem typischen Duft. Ich fühle mich ins Mittelalter versetzt.

CNN vermeldet den erfolgreichen, schnellen Vormarsch der “Allied Ground Forces” auf Bagdad, als ich mich müde auf mein Hotelbett fallen lasse. Wir haben noch eine Verabredung mit Sergej Tutov. Sergej ist Radiomoderator und DJ und hat die ganze Geschichte dieses Auftritts ins Rollen gebracht. Als begeisterten Fan elektronischer Musik haben wir ihn offensichtlich sehr glücklich gemacht, als erste Vertreter dieses Genres nach Russland zu kommen. Heute Abend hat er einen DJ Gig in einem Klub.

Alle Klubs, Hotels und öffentliche Gebäude werden meist von einigen grimmig blickenden, mit schwarzem Anzug oder Uniform bekleideten, jungen Schränken bewacht. In dem Klub werden wir von einem Mann dieser russischen “Special Forces”, OMON, einer Leibesvisitation unterzogen. Der Klub hat mehrere Etagen. Es läuft Goa und Hard Trance. Die Kids unterscheiden sich durch nichts von ihren Altersgenossen in Berlin oder London. Sergej bedient im Kellergeschoss die Chill-Abteilung. Kurz nach Mitternacht brechen wir die Zelte ab. Wir wollen früh aufstehen, um noch für Kreml und Roten Platz Zeit zu finden.

Der Frühstücksraum des „Ukraina“ ist eigentlich ein Halle mit riesigen Säulen und Kronleuchtern. Wir stellen uns nach dem Frühstück und nachdem wir einige Taxifahrer abgewimmelt haben, die uns 1800 Rubel für Hin-und Rückfahrt abnehmen wollten, wieder an die Straße und halten den nächsten Wagen an. Der gepflegte schwarze Wolga (das Kultauto des Sozialismus!) bringt uns für 100 Rubel (3 Euro) zum Roten Platz.

Wir besuchen Lenin in seiner öffentlichen Grabstätte, der irgendwie nicht echt wirkt und lassen uns aufklären, wer dort alles an der Kremlmauer bestattet ist. Von Juri Gagarin über Chruschtschow bis zum Reitergeneral Budjonnyj liegt hier die Prominenz einer unsäglichen Ära, welche 25 Millionen Russen auf dem Gewissen hat.

Harald am Roten PlatzDas ist also dieser geschichtsschwere Platz, den ich nur aus Dokumentarfilmen und Medienberichten kenne. Da oben, hinter der steinernen Balustrade des aus rotem Marmor verkleideten Lenin-Mausoleums, standen sie alle. Die Generalsekretäre und Politbürofunktionäre der UdSSR. Ich bin beeindruckt. Stalin hatte hier eine inzwischen wieder errichtete Kapelle aus dem 14. Jahrhundert abreißen lassen, damit die Panzer für die Paraden der Roten Armee ungehinderte Durchfahrt zum Roten Platz hatten. Das Wort Kreml bedeutet schlicht: Festung. Wir erfahren, dass der Name „Roter Platz“ nichts mit der Lieblingsfarbe des Kommunismus zu tun hat, sondern die auf dem Platz vorherrschende Farbe Rot meint. Was im Russischen soviel wie „schön“ bedeutet. (In der russischen Sprache sind die Worte für “rot” und “schön” zum Verwechseln ähnlich... Anm. d. Webmasters) Um dem großen roten, von innen beleuchteten Stern auf einem der Kremltürme, die tiefe Leuchtkraft eines Rubin zu verleihen, hatte man 25 kg Gold eingebaut.

Steve am Roten PlatzNach einer Stunde lassen wir uns von einem Lada wieder ins „Ukraina“ bringen. Artemiy holt uns wieder ab und führt uns ins Puschkin Museum. Dort ist neben römisch-ägyptischer Kultur vor allem die Moderne vertreten. Nach einer Tour auf einer Touristenmeile, auf welcher der ganze UdSSR Historien-Schnickschnack vom sowjetischen Fliegerhelm bis hin zu Lenin T-Shirts angeboten wird, begeben wir uns in ein amerikanisches Fastfood Restaurant, an dessen Wänden der übliche Rock’n’roll Kitsch hängt. Irgendwie “strange”. Noch schnell auf die Lenin Hügel, einen Panoramablick auf die Metropole, dann geht es an die berühmten Mosfilm-Studios zu Artemiy’s Vater Edward, der in einem bewachten Wohnblock mit seiner Frau zwei Appartements bewohnt. Eins zum wohnen, eins für sein Recording-Studio.

Wir fühlen uns geehrt, einem so berühmten Mann persönlich zu begegnen. Sein elektronisches Studio ist mit dem neuestem Hi-Tech und einer Reihe bester Synthis ausgestattet. Edward ist ein sehr freundlicher Mann mit großartigem Humor. Wir plaudern und fachsimpeln und sind erstaunt, einen Mann von 65 Jahren vor uns zu haben. Ich kenne niemanden in diesem Alter, der sich derartig mit modernen Recording und Musikequipment auskennt wie Edward. Vom unvermeidlichen Wodka und Wein angesäuselt, verabschieden wir uns nach einigen Stunden. Artemiy bringt uns zurück zum Hotel. Danke, Artemiy, für all die nachhaltigen Eindrücke! Steve und ich sind gut drauf und fahren noch mal zum „16 Tons“ um etwas zu essen. Wir müssen morgen früh raus.

Harald Grosskopf, März 2003